Mehr Migranten in Altenheimen

Quelle: Frankfurter Rundschau
Von Christina Franzisket

Die Altenheime in Wiesbaden stellen sich auf pflegebedürftige Einwanderer ein. Sie suchen verstärkt nach Pflegekräften mit Migrationshintergrund und schulen ihre Mitarbeiter. Einige Einrichtungen verbuchen erste Erfolge.
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[clearboth] Vertrauen in die Altenpflege außerhalb der Familie ist wichtig. Foto: REUTERS
[clearboth] Einige Bewohner des Altenpflegeheims begrüßt Meryem Kara auf türkisch. Die Pflegerin im Altenhilfezentrum Robert-Krekel-Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Wiesbaden kommt ursprünglich aus der Türkei. Dass sie mit den Senioren, die auch aus der Türkei stammen, ihre gemeinsame Sprache spricht, ist für sie selbstverständlich. „Es ist ein Stück Heimat für sie“, sagt Kara.

Dass Migranten in deutschen Altenpflegeheimen ihren letzten Lebensabschnitt verbringen, ist in Wiesbaden noch ungewöhnlich. Im Altenhilfezentrum Konrad-Arndt etwa haben derzeit drei Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Im städtisch-zentral gelegenen Robert-Krekel-Haus sind es zehn Prozent.

Laut Johannes Weber, Leiter der Abteilung Altenhilfe im Amt für Soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden, wächst jedoch die Zahl der über 75-jährigen Migranten. „Derzeit sind es in Wiesbaden 3226 Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen“, sagt Weber, „nach aktuellen Analysen wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund aber in den nächsten Jahren verdoppeln.“ Dieser Entwicklung müssten die Altenpflegeeinrichtungen in Zukunft Rechnung tragen, so Weber.

Schulung in kulturellen Besonderheiten

Pflegerin Kara kennt die Ansprüche ihrer Schützlinge, besonders die der türkischen. Das Wissen der Mitarbeiter über die fremde Kultur und Sprache sei wichtig für ein Altenheim, sagt Anne-Marie Schober, Leiterin des Robert-Krekel-Hauses. Deshalb werde verstärkt nach Pflegekräften mit Migrationshintergrund gesucht. Zudem gebe es Fortbildungen, in denen die Mitarbeiter geschult werden, rücksichtsvoll und sensibel mit religiösen und kulturellen Besonderheiten umzugehen, sagt Schober.

Auf den täglichen Essenskarten können Bewohner besondere Wünsche vermerken, an Feiertagen werden sie etwa gefragt, ob sie sich festlich kleiden möchten, oder der Besuch der Angehörigen wird gemeinsam vorbereitet. Auch bei den religiösen Riten versuchen die Pflegekräfte, Unterstützung zu bieten. „Ich habe lange Zeit einer muslimischen Seniorin bei ihren rituellen Waschungen vor dem Gebet geholfen“, berichtet Kara.

Für viele Bedürfnisse wird aber auch von Seiten der Angehörigen Sorge getragen, sagt Schober. Etwa, um auf die geliebte russische Fernsehsendung nicht verzichten zu müssen, könne von der Familie ein Receiver installiert werden. Im Todesfall sei das Personal rücksichtsvoll im Bezug auf kulturelle Wünsche: „Bei Todesfällen in muslimischen Familien kommen immer sehr viele Angehörige. Wir stellen ihnen dann natürlich einen Raum zur Verfügung und geben ihnen die Möglichkeit, Abschied zu nehmen“, sagt Schober.

Altenpflege in vielen Kulturen Familiensache

In den meisten Kulturkreisen sei die Hürde, die eigenen Eltern in ein Altenheim zu geben noch immer besonders hoch. „Es ist das Gefühl, man würde die Eltern abschieben“, sagt Kara. Während dies in Deutschland als Lösung zwischen zwei Generationen jedoch mittlerweile Akzeptanz finde, sehe es in anderen Gesellschaften noch völlig anders aus.

Als Kara sich vor 30 Jahren in Deutschland dazu entschied, Altenpflegerin zu werden, stieß sie in ihrem türkischen Umfeld auf Unverständnis. Altenpflege außerhalb der Familie sei lange Zeit nicht gutgeheißen worden, sagt sie, denn die ältere Generation sei traditionell fest in die Familie integriert.

Dies bestätigt auch Johannes Weber vom Amt für Soziale Arbeit: „Familien aus anderen Kulturen versuchen, die Pflege ihrer Angehörigen in der Familie zu leisten“, sagt er. Erst wenn der Druck nicht mehr tragbar sei, seien sie bereit, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Dabei können die Einrichtungen in Wiesbaden auch Menschen mit Migrationshintergrund gerecht werden, egal welche Werte ihnen wichtig sind“, sagt Weber. Es gelte nun die Schwelle für diese Menschen zu senken, sodass sie Hilfe bei der Pflege ihrer Angehörigen guten Gewissens in Anspruch nehmen können. „Daran arbeiten wir bereits seit Jahren“, beteuert Weber.

Kara sagt, es finde ein Umdenken statt. Sie betont, dass Erfahrungen mit und Vertrauen in die Altenpflege in öffentlichen und privaten Einrichtungen erforderlich seien. Das Altenhilfezentrum habe schon Erfolge verzeichnet, sind sich Kara und Schober einig. „Viele Bewohner mit ausländischer Herkunft fühlen sich bei uns besonders wohl.“

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