Prozess erst im nächsten Jahr

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 27.11.2009

Mord an zwangsverheirateter Ehefrau

Prozess erst im nächsten Jahr

Der vor vier Wochen festgenommene Ex-Mann der getöteten Nurdan E. (31) schweigt nach wie vor zu den Vorwürfen. Da noch Fasergutachten erstellt und Blutspuren untersucht werden müssen, rechnet Staatsanwaltschaftssprecher Hartmut Ferse frühestens im kommenden Jahr mit einer Anklage und einem Prozess gegen den 38-Jährigen.

Der Ex-Mann von Nurdan E., mit dem die zweifache Mutter in zweiter Ehe zwangsverheiratet worden war, steht im dringenden Verdacht, vor acht Wochen die 31-Jährige in deren Wohnung mit über 50 Messerstichen regelrecht abgeschlachtet zu haben. Für den Todeszeitpunkt hat er kein Alibi.

Nach einem neuen rechtsmedizinischen Gutachten starb Nurdan E. am Vormittag des 30. Septembers. Bis 9.30 Uhr hat sie nach Polizeiangaben mit ihrer Mutter in Ost-Anatolien telefoniert. Anderthalb Stunden später befand sich ihr Ex-Mann sicher an seinem Wohnort Mörfelden-Walldorf: Eine Videokamera einer Tankstelle dort hat Bilder von ihm aufgezeichnet. Demnach könnte er gegen zehn Uhr die Wohnung seiner geschiedenen Frau in der Hellmundstraße verlassen – und sie vorher getötet – haben.

Der 38-Jährige ist bei Polizei und Justiz kein unbeschriebenes Blatt: So ist er wegen Körperverletzung und Bedrohung vorbestraft. Nurdan E. war vor ihm wegen ständiger Schläge und Misshandlungen samt den elf und 13 Jahre alten Töchtern ins Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) geflüchtet. Kurz vor ihrem Tod hatte sie die kleine Wohnung im Westend bezogen und die Scheidung eingereicht.

Kinder dürfen nicht ausreisen

Das Schicksal der toten Mutter wühlt die ganze Stadt auf und hat eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Zumal die Töchter seit deren Beerdigung Ost-Anatolien nicht mehr verlassen dürfen und bei der Großmutter leben.

Die Arbeiterwohlfahrt hat bereits 8000 Euro für die Ausbildung der Mädchen gesammelt, zudem gibt es etliche weitere Spendenzusagen und selbst legt die AWO weitere 10.000 Euro drauf. Das Geld liegt auf einem Treuhandkonto, damit keine Verwandten Zugriff darauf haben, wie AWO-Geschäftsführerin Hannelore Richter betont.

Richter ist nicht die einzige, die für die Mädchen ein ähnliches Schicksal wie das ihrer Mutter erwartet, wenn sie in der Türkei blieben: Kein Schulabschluss und Zwangsehe.

Nurdan E. wollte, dass ihre Kinder in Deutschland aufwachsen. Die AWO und das Jugendamt bemühen sich um deren Rückkehr. Über das Sorgerecht entscheidet vermutlich ein türkisches Gericht.

In Kürze fährt nach Informationen Richters eine Delegation der AWO nach Ost-Anatolien, um den Mädchen Geschenke und Briefe von Klassenkameraden zu übergeben. (byb)

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