Ein Foto erinnert an eine Tote

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 27.11.2009

Alltag im Frauenhaus

Ein Foto erinnert an eine Tote

Die Nachricht von Nurdan E.’s Tod war ein „Flash“ für sie: Die Fotografin Andrea Diefenbach hatte die 31-Jährige und weitere acht Frauen aus dem Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) mehrere Wochen begleitet, für eine Ausstellung. „Wir waren uns nahe“, sagt Diefenbach. Hätten viel geredet, telefoniert.

Am 30. September war die 35-Jährige in Hamburg, als die Wiesbadener Kriminalpolizei anrief. „Die dachten, Nurdan hätte mir vielleicht irgendwas erzählt“, sagt sie leise. Hatte sie aber nicht. Im Gegenteil. Die 31-Jährige hatte sich sicher gefühlt nach ihrem Umzug in eine eigene Wohnung.

Genau an dem Todestag von Nurdan E. sollte auch die Einladungskarte für die AWO-Ausstellung „Frauenhaus – Zuflucht und Chance“ in Druck gehen. „Mein erster Gedanke war, das Bild von Nurdan muss raus“, erinnert sich die Fotografin. Eine Tote auf einer Einladungskarte – das erschien ihr unpassend.

Nurdan E. hätte es gewollt

Doch die stellvertretende AWO-Geschäftsführerin Beatrice Remmert habe sie umgestimmt. Weil Nurdan E. es gewollt hätte. Weil sie anderen Frauen Mut machen wollte. „Ich glaube, es war in ihrem Sinne, sie auf der Einladung zu lassen“, ist Diefenbach überzeugt.

Andrea Diefenbach hat Fotografie gelernt und studiert, aber die Werbe- und Modebranche hat ihr nicht zugesagt. Also hat sie sich auf Fotojournalismus und Dokumentarfotografie spezialisiert. Ihr Schwerpunkt: Soziale und religiöse Randgruppen. Konkret hat sie Mormonenmissionare begleitet, eine russische Clownin, Bewohner eines jüdischen Altenheims, Rabbiner-Frauen und Mukoviszidose-Kranke.

Für ihre Diplom-Arbeit war sie zweieinhalb Monate in Odessa, wegen der Aids-Epidemie in der Ukraine. Die Bilder wurden als Fotobuch veröffentlicht und unter anderem auch in New York ausgestellt. Im vergangenen Jahr begleitete sie moldawische Arbeitsmigranten; diese müssen ihre Kinder zurücklassen, um in Italien Geld zu verdienen.

Dank Stipendien konnte sie die Vielreiserei finanzieren. Hotels sind trotzdem nicht drin, „ich übernachte meist auf dem Sofa der Leute, die sich fotografieren lassen“. So komme sie den Menschen und ihren Schicksalen näher. Näher, als es Statistiken und Zahlen je könnten.

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