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Quelle: Wiesbadener Kurier

„Wir haben den Pflegenotstand“

INTERVIEW Barbara Handke (Caritas) und Hannelore Richter (AWO) werfen der Politik jahrelanges Versagen vor

Der Vorfall kurz nach Weihnachten im Clemenshaus, bei dem die Angestellte einer Zeitarbeitsfirma eine demente Frau verletzte, hat schlagartig das Thema Pflegenotstand wieder auf die Tagesordnung geholt. Der Kurier sprach über das Problem mit Caritas-Direktorin Barbara Handke und der Geschäftsführerin der Wiesbadener Arbeiterwohlfahrt Hannelore Richter.

Frau Handke, Frau Richter, wie gefährlich ist die Pflege in deutschen Altenheimen?

Handke: Eine Gefahr ist nicht wirklich vorhanden. Wenn etwas wie im Clemenshaus vorgekommen ist, haben wir den Mitarbeiter sofort entlassen. Aber es gibt zu wenig Pflegekräfte, allein in Wiesbaden fehlen über hundert.
Richter: Ein Manko ist: Wir müssen nur 50 Prozent Fachkräfte beschäftigen. Warum nicht 100 Prozent wie die Kitas? Ob jemand eine gehärtete Bauchdecke hat, erkennt nur eine Fachkraft. Den Pflegenotstand gibt es, weil die Politik 20 oder 40 Jahre lang versagt hat. Trotzdem ist die Pflege heute besser als vor 20 Jahren. Sie müssen also keine Angst haben.

Gab es weitere Vorfälle wie jüngst im Clemenshaus?
Handke: Nein. Wir hatten den Fall mit einer Frau einer Zeitarbeitsfirma, die alkoholisiert im Dienst erschien. Die musste sofort gehen.

Wie wirken sich solche Vorfälle auf die übrigen Mitarbeiter aus?
Richter: Ganz deprimierend.
Handke: Hauptamtliche Mitarbeiter sind dann fix und fertig.

Das Problem schien die Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen zu sein.
Richter: Die brauchen wir, wenn jemand fehlt. Das ist eine gesetzliche Vorgabe. Das wird auch kontrolliert.

Wie viele Zeitarbeitskräfte sind denn in Wiesbadener Pflegeheimen im Einsatz?
Handke: Das ist nicht quantifizierbar, weil es sich ständig ändert. Zurzeit des Vorfalls im Clemenshaus waren es dort vier bis fünf.

Zeitarbeitskräfte werden von der Heimaufsicht nicht geprüft und kontrolliert.

Richter: Sie werden im Dienst von uns kontrolliert. Aber wir können ja nicht wissen wie nach einer Probezeit, was für ein Mensch das ist.

Warum bietet man den guten Zeitarbeitskräften nicht nee feste Stelle an?
Handke: Manche wollen das gar nicht.
Richter: Wir haben im Fall einer länger kranken Mitarbeiterin eine Fremdarbeitskraft von einer Zeitfirma für 7000 Euro abgekauft.

Warum schafft man nicht einen eigenen Pool, den Gesundheitsdezernent Arno Großmann vorgeschlagen hat?
Richter: Demnächst tagt das Forum Stationäre Pflege. Da werden wir das ansprechen. Doch ein Pool entspräche nicht der Gesetzeslage. Man könnte uns den Versorgungsvertrag entziehen. Aber wir könnten versuchen, mit einer solchen Idee für ein Jahr als Modellversuch anerkannt zu werden.
Handke: Es ist ein politisches Problem. Die Kommunalpolitik müsste es bis zur Bundespolitik transportieren.
Richter: Der Vorschlag ist es wert, dass man ihn versucht.

Was können sie tun, um Vorfälle wie im Clemenshaus zu verhindern?

Handke: Es wird schon viel getan über das Qualitätsmanagement. So ein Ausrutscher kommt ganz selten vor.

Die Arbeiterwohlfahrt hat Pflegekräfte aus Polen angeworben. Ist das auch ein Modell für die Caritas?
Handke: Wir haben versucht, in das Modellprojekt der Landesregierung aufgenommen zu werden, bei dem Pflegekräfte aus Spanien angeworben werden. Wir sind leider ein bisschen zu spät gekommen.

Was muss sich ändern, damit der Beruf des Altenpflegers attraktiver wird?
Richter: Es ist ein schöner Beruf. Problematisch ist, dass man die Freizeit nicht planen kann. Die skandinavischen Länder und die Schweiz machen uns vor, was man verbessern kann. Eine Schwierigkeit ist, dass seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1996 gut ein Drittel der Zeit für die Dokumentation der Pflege benötigt wird. Es ist aber nicht ein Drittel mehr Mitarbeiter eingestellt worden. Die Qualitätssprünge, die wir gemacht haben, haben auf dem Rücken der Mitarbeiter stattgefunden.

Wie könnte man das Image eines Altenpflegers aufpolieren?

Handke: Man muss das, was Pflegekräfte leisten, in die Gesellschaft hineintragen.
Richter: Oft hört man über Altenpfleger „Na, zum Arzt hat’s bei dem nicht gereicht“. Wer das sagt, weiß überhaupt nicht, was ein Altenpfleger leistet.

Was erwarten sie nun von der Politik?

Handke: Wir müssen ihr klarmachen, dass der Pflegenotstand nicht erst droht, sondern dass wir ihn schon haben. Ich verstehe nicht, warum die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in anderen Ländern funktioniert, nur bei uns nicht.

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