Alpenberge statt Peanuts

Quelle: Wiesbadener Tagblatt

Presseartikel im Wiesbadener Tagblatt
vom 29.5.2009 von Alexandra Ehrhardt

Alpenberge statt Peanuts


AWO-DISKUSSION Spannungsverhältnis im Erzieherberuf

Wiesbaden. Als Spannungsverhältnis zwischen quantitativem Ausbau bei einem gleichzeitigen, steigenden Anspruch an qualitativer Ausstattung, hat der Professor für Sozialpolitik, Stefan Sell, die aktuelle Arbeitssituation der Erzieherinnen in Kindertagesstätten dargestellt. Bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Bildung von Anfang an: Sinnvoll und realisierbar?“ des Arbeiterwohlfahrt-Kreisverbands (AWO) Wiesbaden diskutierte Sell mit vier weiteren Experten über die Zukunft des Berufsstandes.

Steigende Ansprüche an die Kindertagesstätten und deren Personal bei einer gleichzeitigen Wirtschaftskrise, so moderierte Dr. Jürgen Richter, Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes Frankfurt, das Thema an, bevor er den Fachleuten für ihre Stellungnahmen das Podium überließ. Dabei nahm Sell das 2013 in Kraft tretende Kinderförderungsgesetz als Einstieg, um die vielfältigen Probleme in der Erziehung und Bildung der noch nicht schulpflichtigen Kinder anzureißen. So rechnete er vor, dass die von der Stadt angepeilten 35 Prozent derer, die einen Betreuungsplatz für ihre unter drei Jahre alten Kinder in Anspruch nehmen werden, wahrscheinlich zu niedrig gegriffen sind und man zudem mit dem Ausbau an Krippenplätzen hinter-herhinke. „Hier geht es um große Alpenberge und nicht um Peanuts.“

Anna Pierri hingegen, Leiterin einer AWO-Kindertagesstätte in Frankfurt, fragte angesichts der theoretischen Herangehensweise an das Thema nach der Umsetzbarkeit der Konzepte. Es mangelt in den Kindertagesstätten vor allem an einem: Zeit. Margarete Unkhoff von der Gewerkschaft Verdi sieht deshalb eine Veränderung des Personalschlüssels als Voraussetzung für eine verbesserte Umsetzung des Bildungsauftrags. Zum Vergleich verwies sie auf einen Betriebskindergarten, indem auf acht Kinder drei Erzieher kommen – was mit anhaltendem Applaus der rund 80 Gäste kommentiert wurde.

Sozialdezernent Arno Goßmann stimmte ihr zu: „Ich bin auch der Auffassung, dass sie in der Tat unterbezahlt sind.“ Er skizzierte unberechenbare Kosten für die Gesellschaft, die aufgrund einer ungenügenden, vorschulischen Erziehung und Bildung folgen, verdeutlichte aber auch, dass enge finanzielle Spielräume bei den Betriebskostenzuschüssen von Bund und Land das Grundproblem für die Engpässe seien.

Schuldezernentin Roselore Scholz forderte eine stärkere Verzahnung zwischen den Kindertagesstätten und den Schulen. Die Frage aus dem Publikum, warum es keine zwei Einschulungstermine gebe, wolle sie in ein Gespräch mit der Hessischen Ministerin nehmen und verhandeln.

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